Fall 4 – Mara Stern ermittelt
Es war spät.
Mara Stern saß am Schreibtisch.
Vor ihr: Johannes 14, 15-21. Aufgeschlagen.
Randnotizen aus drei verschiedenen Jahren – blaue Tinte, schwarze Tinte, Bleistift.
Sie bereitete eine Predigt vor.
Eigentlich.
Aber die Gedanken gingen woanders hin.
„Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben.”
Einen anderen.
Mara hielt inne.
Nicht denselben. Einen anderen.
Das bedeutete: Jesus geht wirklich.
Er kommt nicht wieder – nicht so.
Der Geist wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Ersatz.
Nicht wie ein Platzhalter.
Eher wie etwas, das erst möglich wird, weil Jesus fehlt.
Sie schrieb ins blaue Notizbuch:
Abwesenheit ist kein Problem, das gelöst werden muss.
Und darunter, nach einer Pause:
Vielleicht ist sie sogar der Ort.
Irgendwo aus dem Studium tauchte ein Begriff auf: locus theologicus.
Der Ort, von dem aus Theologie betrieben wird.
Abwesenheit als theologischer Ort.
Nicht die Präsenz.
Nicht die Sichtbarkeit.
Nicht der volle Gottesdienst, das große Gebäude, das sakramentale Spektakel.
Die Abwesenheit.
Mara dachte an Michael Schüssler.
An die Verflüssigung.
An die Kirche, die ihre Sichtbarkeit verliert.
Und plötzlich sah sie es anders.
Vielleicht verliert die Kirche nicht etwas, das sie eigentlich haben müsste.
Vielleicht wird sichtbar, was immer schon da war.
Eine Gemeinschaft, die mit der Abwesenheit Gottes umgehen muss.
Sie hielt kurz inne.
Oder zumindest: lernen muss, sie auszuhalten.
Aber dann kam Aaron.
Mara musste kurz lachen.
Aaron.
Der große Schweiger der Kirchengeschichte.
Der Mann, der das goldene Kalb gebaut hatte – während Mose oben auf dem Berg war und nicht zurückkam.
Was sollte er denn tun?
Das Volk wartete.
Wurde unruhig.
Fragte. Forderte.
Mach uns einen Gott, den wir sehen können.
Aaron war kein Bösewicht.
Das hatte Mara immer gedacht.
Aber heute Nacht verstand sie ihn plötzlich anders.
Ein überforderter Gemeindeleiter.
Ein Mann zwischen Erwartung und Schweigen.
Ein Gott, der nicht auftaucht.
Ein Volk, das das nicht aushält.
Vielleicht war das goldene Kalb gar nicht zuerst Bosheit.
Vielleicht war es Panik.
Mara ging zum Fenster.
Draußen: Nacht. Eine Straßenlaterne. Sonst nichts.
Und sie dachte: Vielleicht bauen Menschen deshalb immer.
Kirchen. Strukturen. Rituale. Ämter.
Weil Leere schwer auszuhalten ist.
Sie schrieb ins Notizbuch:
Aaron hatte recht. Und lag trotzdem falsch.
Sie blieb noch einen Moment am Fenster stehen.
Dann dachte sie an ihre eigene Arbeit.
Pastoralreferentin. Theologin. Promoviert. Zwanzig Jahre Industrie.
Sie konnte predigen, begleiten, denken, schreiben.
Und trotzdem.
In dem System, in dem sie arbeitete, fehlte ihr etwas.
Nicht als Person.
Als Funktion.
Sie suchte nach einem Wort.
Etwas wie:
sakramentales Kapital.
Der Priester betritt den Raum – und etwas passiert.
Automatisch. Oder zumindest wirkte es so.
Seine bloße Anwesenheit bedeutet etwas.
Noch bevor er spricht.
Noch bevor jemand weiß, ob er zuhören kann.
Er ist geweiht.
Mara war nicht geweiht.
Also musste sie erklären.
Präsent sein. Überzeugen. Immer wieder neu.
Was dem Geweihten zugeschrieben wurde, musste sie sich erarbeiten.
Das war keine persönliche Kränkung. Eher Systemlogik.
Sie schrieb ins Notizbuch:
Sichtbarkeitsasymmetrie.
Das Wort klang schrecklich akademisch.
Aber genau das war es.
Kein Versehen. Hält das System stabil.
Und darunter, weniger kühl:
Wer das Vakuum der Abwesenheit Gottes nicht sakramental füllen darf, muss beweisen, dass er überhaupt relevant ist.
Sie setzte sich wieder hin.
Johannes 14: „Die Welt sieht mich nicht mehr.”
Mara las den Satz dreimal.
Nicht als Klage.
Eher wie eine Beschreibung.
Was wäre, wenn Unsichtbarkeit keine Niederlage wäre?
Was wäre, wenn eine Kirche, die nicht mehr durch Macht, Gebäude und sakramentale Selbstverständlichkeit sichtbar ist, dem johanneischen Geist manchmal näher käme als der konstantinischen Prachtkirche?
Vielleicht war Verflüssigung manchmal einfach ehrlicher.
Aber dann – und hier wurde es kompliziert – dachte Mara an die Frauen.
An sich selbst.
Die Verflüssigung trifft nicht alle gleich.
Wer ohnehin schon am Rand stand, verliert mit der Verflüssigung auch die mühsam erkämpften Sichtbarkeiten.
Die Institution hatte manchmal auch die geschützt, die sie gleichzeitig ausschloss.
Mara strich den Satz erst durch. Dann schrieb sie ihn wieder hin. Weil er stimmte. Und weil genau das die Zumutung war.Nicht entweder-oder.
Beides gleichzeitig.
Mara klappte das Evangelium zu.
Draußen wurde es langsam hell. Sie hatte keine Predigt geschrieben.
Aber sie hatte etwas anderes gefunden.
„Er bleibt bei euch – er ist in euch.”
Radikal personal.
Radikal unkontrollierbar.Vielleicht konnte kein Amt das garantieren.Kein Gebäude das festhalten. Kein System das verwalten.
Der Gott, der der Fremde ist – er lässt sich nicht einspannen.
Aber er schützt auch nicht.
Mara merkte, wie müde sie war.
Das war keine Klage.
Eher eine Bedingung.
Sie schrieb den letzten Satz ins blaue Notizbuch:
Vielleicht sprengt der Text seine eigene Kirchengeschichte.
Sie blieb einen Moment sitzen.
Dann stand sie auf und machte Kaffee.
Draußen: Morgen. Ein neuer Tag.
Der Fall war nicht gelöst. Er würde es nie sein.

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