Tepel.katholischbeyond

  • Aufgefallen: Das Huhn

    Aufgefallen: Das Huhn

    Heute Morgen hatte ich zum ersten Mal ein Huhn auf dem Arm.

    Wir sind noch im Urlaub. Unser Vermieter Arne hat siebzig Hühner und ein riesiges Freilaufgelände – und heute durfte ich mit. Ein Huhn landete (mit Hilfe von Arne) auf meinem Arm. Weich. Ruhig. Einfach da.

    Da stand ich dann. Mit meinem Huhn. Und staunte.

    Über die Wärme und wie weich so ein Huhn ist. Über die Ruhe des Tieres. Über mich selbst, wie ich da stand und plötzlich nichts mehr wollte als genau das: das Huhn halten und staunen.

    Und dann – Szenenwechsel. Ein aufgeschlagenes Ei auf dem Boden. Und siebzig Hühner, die sich mit einer Begeisterung darauf stürzten, die ich nur als kannibalisch beschreiben kann.

    Theologie in zwei Akten, an einem Vormittag.

    Akt eins: Das Staunen. Der Moment, in dem man nichts erklären, nichts einordnen, nichts “damit anfangen” muss. Einfach da sein, mit einem Huhn auf dem Arm – und das reicht.

    Akt zwei: Die Zumutung. Dass das Leben selten nur weich und warm bleibt. Dass zur Schöpfung auch das Verstörende gehört. Und dass beides an einem Vormittag passieren kann, auf demselben Gelände, mit denselben Hühnern.

  • Im Museum – zwischen den Schritten

    Im Museum – zwischen den Schritten

    Eigentlich gehe ich selten ins Museum.
    Aber „Art.Science.Fiction“ versprach Begegnungen an den Rändern des Denkbaren. Also ging ich hin.

    In der ersten Halle: Schwarze Löcher. Die Darstellung des Undarstellbaren. Bilder für etwas, das sich nicht zeigen lässt.

    Je länger ich davor stand, desto mehr schien mir das Vertraute darin zu liegen: Nicht alles, was wirklich ist, lässt sich abbilden. Nicht alles, was trägt, lässt sich festhalten.

    Vielleicht liegt die Wahrheit solcher Bilder gerade darin, dass sie ihr Scheitern nicht verbergen. Sie zeigen etwas, indem sie zeigen, dass es sich nicht zeigen lässt.

    Weiter durch die Hallen, vorbei an einer kommunizierenden nordfriesischen Miesmuschel (dazu ein anderes Mal, oder auch nicht).

    Dann: “Galopp.dot”. Der Sekundenbruchteil, in dem ein galoppierendes Pferd alle vier Hufe zugleich in der Luft hat. Schwebend. Kein Huf berührt die Erde. Noch nicht angekommen. Nicht mehr abgestoßen.
    Ein Moment ohne Ort. Zwischen zwei Sicherheiten.

    Und plötzlich schien mir dieser Augenblick vertraut.
    Vielleicht entstehen die wichtigsten Dinge genau dort: im Übergang. Dort, wo eine Grenze überschritten wird und noch nicht klar ist, was auf der anderen Seite wartet.

    Zwei Bilder. Ein schwarzes Loch. Ein schwebendes Pferd.
    Beide erzählen von etwas, das sich dem Zugriff entzieht.
    Und vielleicht beginnt genau dort Begegnung.

  • Was fehlt, wenn nichts fehlt

    Was fehlt, wenn nichts fehlt

    Fall 5 – Mara Stern ermittelt.

    Es war spät.
    Mara Stern hatte den Artikel am Montagabend aufgeschlagen.
    Eigentlich hatte sie früh schlafen wollen.
    Daraus wurde nichts.

    Jan Loffeld. Pastoraltheologe.
    Einer von denen, die Sätze schreiben, die man nicht mehr loswird.

    Nicht weil sie angenehm sind. Weil sie treffen.

    Mara las.
    Unterstrich. Ärgerte sich.
    Und nickte. Beides gleichzeitig.

    Ein Satz blieb hängen:
    „Ich würde überhaupt nicht davon Abstand nehmen, dass jeder Mensch gottfähig ist. Aber nicht jeder Mensch ist gottesbedürftig.”1

    Mara legte das Tablet hin.
    Gottfähig. Aber nicht gottesbedürftig.
    Sie schrieb den Satz ins blaue Notizbuch.

    Dann darunter:
    Maurice Blondel.
    Blondel hätte widersprochen. Oder vielleicht auch nicht ganz.
    Mara erinnerte sich an Seminartexte.

    Die Sehnsucht nach dem Unendlichen – Blondel hatte geglaubt, dass sie im Menschen selbst angelegt sei.
    Nicht zusätzlich. Grundsätzlich.

    Der Mensch will immer mehr, als er greifen kann.
    Mara hatte das einmal wunderschön gefunden.
    Vielleicht fand sie es immer noch schön.
    Aber heute Nacht fragte sie sich:
    Stimmt das noch?

    Sie stand auf. Ging zum Fenster. Draußen: Stadt. Lichter. Ein Lieferdienst. Jemand mit Kopfhörern. Ein Paar an der Ampel.

    Gottesbedürftig?

    Mara blieb lange stehen.
    Wir kommen erstaunlich gut ohne Gott zurecht.

    Das war keine Anklage. Eher eine Beobachtung.
    Therapie statt Beichte.
    Achtsamkeit statt Gebet.
    Sinn durch Arbeit, Beziehung, Erleben.
    Und vieles davon funktionierte.
    Mara war ehrlich genug, das zuzugeben.

    Und trotzdem.
    Da blieb eine Frage.
    Was wird aus der Sehnsucht – wenn man nicht mehr weiß, dass man sie hat?

    Blondel hätte vermutlich gesagt: Sie verschwindet nicht.
    Sie verändert nur ihre Sprache.

    Loffeld schien vorsichtiger zu sein.
    Nicht jeder Mensch ist gottesbedürftig.

    Wer hatte recht?
    Mara schrieb ins Notizbuch: Vielleicht beide.

    Und darunter, nach einer Pause:
    Vielleicht ist genau das die Tragödie.

    Gottfähig – ja.
    Fähig zum Staunen.
    Zur Frage.
    Zur Unterbrechung.
    Aber vielleicht schläft diese Fähigkeit manchmal ein.
    Vielleicht aus Erschöpfung. Aus Dauerbeschallung.
    Aus einem Leben, das selten still wird.

    Die Sehnsucht war vielleicht noch da.
    Aber sie kam kaum noch zu Wort.

    Mara dachte an einen anderen Satz von Loffeld:
    „Wir reden unglaublich viel über Kirche – aber fast gar nicht über Gott.”

    Das traf. Nicht nur die Kirche.
    Sie selbst.
    Wie oft hatte sie zuletzt über Strukturen gesprochen?
    Über Austritte, Fusionen, Synodalität, Profanierungen?
    Und wie oft über Gott?
    Nicht über Religion. Nicht über Kirche.
    Über Gott.
    Den Fremden. Den Anderen. Den, der sich nicht einspannen lässt.

    Wann hatte sie zuletzt wirklich von ihm gesprochen?
    Sie ließ die Frage offen.

    Loffeld hatte noch etwas gesagt:
    „Wir müssen die Türen offen halten – wissend aber, dass viele daran vorbeigehen.”

    Welche Türen?

    Mara setzte sich wieder an den Schreibtisch.
    Gemeindehäuser. Pfarrbüros. Gottesdienste.
    Ja.
    Aber wer steht eigentlich davor?
    Und wer sieht die Menschen, die vorbeigehen?

    Mara dachte an die Frau mit der Einkaufstasche.
    Muss ja wohl so sein.
    Die war nicht durch eine Tür gegangen.
    Die hatte auf der Straße gestanden.
    Vor einer Kirche, die geschlossen war.
    Und trotzdem war da etwas gewesen.
    Ein Satz. Ein Moment.
    Vielleicht lag die Tür inzwischen woanders.

    Nicht im Gebäude. Vielleicht im Gespräch. Auf der Straße.
    Zwischen zwei Menschen.

    Und dann kam die Frage, die Mara nicht wollte.
    Aber sie kam trotzdem.
    Bin ich Theologin – oder Sozialarbeiterin?
    Sie lehnte sich zurück.
    Der barmherzige Samariter. Wunden verbinden. Salben. Bezahlen. Weitergehen.
    Natürlich war das wichtig.

    Aber war das schon alles?
    Der Samariter hatte geholfen, weil er etwas gesehen hatte.
    Wirklich gesehen.
    Und hinter diesem Blick stand mehr als Moral.
    Ein Menschenbild vielleicht.
    Oder sogar eine Gottesbeziehung.

    Mara dachte:
    Sozialarbeit ohne Theologie kann gut sein.
    Theologie ohne Berührung mit wirklichen Menschen wird leer.
    Aber was wird Theologie, wenn sie nicht mehr von Gott spricht?

    Wir reden nicht über Gott.
    Mara schrieb den Satz ins Notizbuch.
    Dann darunter:
    Ich auch nicht genug.

    Draußen wurde es langsam hell.
    Mara klappte das Notizbuch zu.
    Die Wut war noch da. Die Traurigkeit auch.
    Und darunter – tiefer – noch etwas anderes.

    Sehnsucht.

    Vielleicht meinte Blondel genau das.
    Diese schwer erklärbare Unruhe.
    Dieses Gefühl, dass etwas fehlt, auch wenn eigentlich alles da ist.
    Sie war noch da.
    Auch in Mara.

    Vielleicht besonders in Mara.
    Gottfähig, dachte sie.
    Und vielleicht – trotz allem – auch gottesbedürftig.


    1 Vgl. https://www.domradio.de/artikel/theologe-loffeld-haelt-these-zur-religioesen-indifferenz-fest

  • Der Fremde bleibt fern

    Der Fremde bleibt fern

    Fall 4 – Mara Stern ermittelt

    Es war spät.
    Mara Stern saß am Schreibtisch.
    Vor ihr: Johannes 14, 15-21. Aufgeschlagen.
    Randnotizen aus drei verschiedenen Jahren – blaue Tinte, schwarze Tinte, Bleistift.
    Sie bereitete eine Predigt vor.
    Eigentlich.
    Aber die Gedanken gingen woanders hin.

    „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben.”

    Einen anderen.
    Mara hielt inne.
    Nicht denselben. Einen anderen.
    Das bedeutete: Jesus geht wirklich.
    Er kommt nicht wieder – nicht so.
    Der Geist wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Ersatz.
    Nicht wie ein Platzhalter.
    Eher wie etwas, das erst möglich wird, weil Jesus fehlt.
    Sie schrieb ins blaue Notizbuch:
    Abwesenheit ist kein Problem, das gelöst werden muss.

    Und darunter, nach einer Pause:
    Vielleicht ist sie sogar der Ort.

    Irgendwo aus dem Studium tauchte ein Begriff auf: locus theologicus.
    Der Ort, von dem aus Theologie betrieben wird.
    Abwesenheit als theologischer Ort.
    Nicht die Präsenz.
    Nicht die Sichtbarkeit.
    Nicht der volle Gottesdienst, das große Gebäude, das sakramentale Spektakel.
    Die Abwesenheit.

    Mara dachte an Michael Schüssler.
    An die Verflüssigung.
    An die Kirche, die ihre Sichtbarkeit verliert.

    Und plötzlich sah sie es anders.
    Vielleicht verliert die Kirche nicht etwas, das sie eigentlich haben müsste.
    Vielleicht wird sichtbar, was immer schon da war.
    Eine Gemeinschaft, die mit der Abwesenheit Gottes umgehen muss.
    Sie hielt kurz inne.
    Oder zumindest: lernen muss, sie auszuhalten.

    Aber dann kam Aaron.
    Mara musste kurz lachen.
    Aaron.
    Der große Schweiger der Kirchengeschichte.
    Der Mann, der das goldene Kalb gebaut hatte – während Mose oben auf dem Berg war und nicht zurückkam.
    Was sollte er denn tun?
    Das Volk wartete.
    Wurde unruhig.
    Fragte. Forderte.
    Mach uns einen Gott, den wir sehen können.
    Aaron war kein Bösewicht.
    Das hatte Mara immer gedacht.
    Aber heute Nacht verstand sie ihn plötzlich anders.
    Ein überforderter Gemeindeleiter.
    Ein Mann zwischen Erwartung und Schweigen.
    Ein Gott, der nicht auftaucht.
    Ein Volk, das das nicht aushält.
    Vielleicht war das goldene Kalb gar nicht zuerst Bosheit.
    Vielleicht war es Panik.

    Mara ging zum Fenster.
    Draußen: Nacht. Eine Straßenlaterne. Sonst nichts.
    Und sie dachte: Vielleicht bauen Menschen deshalb immer.
    Kirchen. Strukturen. Rituale. Ämter.
    Weil Leere schwer auszuhalten ist.
    Sie schrieb ins Notizbuch:
    Aaron hatte recht. Und lag trotzdem falsch.

    Sie blieb noch einen Moment am Fenster stehen.
    Dann dachte sie an ihre eigene Arbeit.
    Pastoralreferentin. Theologin. Promoviert. Zwanzig Jahre Industrie.
    Sie konnte predigen, begleiten, denken, schreiben.
    Und trotzdem.
    In dem System, in dem sie arbeitete, fehlte ihr etwas.
    Nicht als Person.
    Als Funktion.
    Sie suchte nach einem Wort.
    Etwas wie:
    sakramentales Kapital.
    Der Priester betritt den Raum – und etwas passiert.
    Automatisch. Oder zumindest wirkte es so.
    Seine bloße Anwesenheit bedeutet etwas.
    Noch bevor er spricht.
    Noch bevor jemand weiß, ob er zuhören kann.
    Er ist geweiht.
    Mara war nicht geweiht.
    Also musste sie erklären.
    Präsent sein. Überzeugen. Immer wieder neu.
    Was dem Geweihten zugeschrieben wurde, musste sie sich erarbeiten.
    Das war keine persönliche Kränkung. Eher Systemlogik.
    Sie schrieb ins Notizbuch:
    Sichtbarkeitsasymmetrie.
    Das Wort klang schrecklich akademisch.
    Aber genau das war es.
    Kein Versehen. Hält das System stabil.
    Und darunter, weniger kühl:
    Wer das Vakuum der Abwesenheit Gottes nicht sakramental füllen darf, muss beweisen, dass er überhaupt relevant ist.

    Sie setzte sich wieder hin.
    Johannes 14: „Die Welt sieht mich nicht mehr.”
    Mara las den Satz dreimal.
    Nicht als Klage.
    Eher wie eine Beschreibung.
    Was wäre, wenn Unsichtbarkeit keine Niederlage wäre?
    Was wäre, wenn eine Kirche, die nicht mehr durch Macht, Gebäude und sakramentale Selbstverständlichkeit sichtbar ist, dem johanneischen Geist manchmal näher käme als der konstantinischen Prachtkirche?
    Vielleicht war Verflüssigung manchmal einfach ehrlicher.
    Aber dann – und hier wurde es kompliziert – dachte Mara an die Frauen.
    An sich selbst.
    Die Verflüssigung trifft nicht alle gleich.
    Wer ohnehin schon am Rand stand, verliert mit der Verflüssigung auch die mühsam erkämpften Sichtbarkeiten.
    Die Institution hatte manchmal auch die geschützt, die sie gleichzeitig ausschloss.
    Mara strich den Satz erst durch. Dann schrieb sie ihn wieder hin. Weil er stimmte. Und weil genau das die Zumutung war.Nicht entweder-oder.

    Beides gleichzeitig.

    Mara klappte das Evangelium zu.
    Draußen wurde es langsam hell. Sie hatte keine Predigt geschrieben.
    Aber sie hatte etwas anderes gefunden.
    „Er bleibt bei euch – er ist in euch.”
    Radikal personal.
    Radikal unkontrollierbar.Vielleicht konnte kein Amt das garantieren.Kein Gebäude das festhalten. Kein System das verwalten.
    Der Gott, der der Fremde ist – er lässt sich nicht einspannen.
    Aber er schützt auch nicht.
    Mara merkte, wie müde sie war.
    Das war keine Klage.
    Eher eine Bedingung.
    Sie schrieb den letzten Satz ins blaue Notizbuch:
    Vielleicht sprengt der Text seine eigene Kirchengeschichte.
    Sie blieb einen Moment sitzen.
    Dann stand sie auf und machte Kaffee.
    Draußen: Morgen. Ein neuer Tag.
    Der Fall war nicht gelöst. Er würde es nie sein.

  • Wo auch immer

    Wo auch immer

    Folge 3 – Mara Stern ermittelt.

    Der Anruf kam nicht beim Kaffee.

    Diesmal kam er gar nicht.

    Mara Stern saß allein an ihrem Schreibtisch. Vor ihr: eine Hochglanzbroschüre. Absender Diözese.

    Sie hätte sie längst wegwerfen können. Dreimal hatte sie sie in den Papierkorb gelegt. Dreimal wieder herausgeholt.

    Ihr Doktorvater hatte ein Interview gegeben. Ein Pastoraltheologe bei dem man nie ganz wusste, ob man hören wollte, was er sagte.

    Sie fand die Seite. Las. Und blieb an einem Satz hängen:

    „Diese Verflüssigung ist nicht nur ein Problem, sondern sie ist Teil der Lösung.”1

    Mara lehnte sich zurück.

    Verflüssigung.

    Sie öffnete ihr blaues Notizbuch. Schrieb das Wort oben auf die Seite. Starrte es an.

    Verflüssigung.

    Dann schrieb sie darunter: Fall 3.

    Zwei Stunden später stand sie vor der Kirche. Sankt Johannes. Neugotik. 1887 erbaut. Turm: 34 Meter. Fassungsvermögen: 600 Menschen. Aktuelle Gottesdienstbesucherzahl: zwischen 20 und 50, je nach Wetter und Jahreszeit.

    Nächsten Monat: Profanierung.

    Mara kannte das Verfahren. Bischof spricht. Glocken schweigen. Gebäude wird übergeben – an wen auch immer. Manchmal ein Investor. Manchmal eine Kultureinrichtung. Manchmal steht es einfach leer.

    Sie schaute hoch zum Turm.

    34 Meter Stein. Generationen von Menschen hatten hier gebaut, gebetet, geheiratet, beerdigt. Hier hatten Kinder ihre erste Kommunion empfangen.

    Und jetzt?

    Ein Schild an der Tür: Wegen Sanierungsmangel geschlossen.

    Darunter, handgeschrieben, jemand hatte einen Zettel geklebt: Danke für alles.

    Mara stand lange davor.

    Eine Frau blieb neben ihr stehen. Mitte siebzig. Einkaufstasche. Sie schaute nicht zur Kirche – sie schaute zu Mara.

    „Sie kennen die Kirche?”

    „Ein bisschen.”

    Die Frau nickte. „Ich bin hier getauft worden. Meine Kinder auch. Mein Mann ist von hier aus beerdigt worden.”

    Pause.

    „Jetzt soll hier ein Fitnessstudio rein. Haben sie gesagt.”

    Sie sagte es ohne Bitterkeit. Fast sachlich. Als hätte sie sich längst damit abgefunden – oder als wäre die Bitterkeit irgendwann einfach müde geworden.

    „Und … glauben Sie noch?” fragte Mara. Sie wusste, dass es eine merkwürdige Frage war. Sie stellte sie trotzdem.

    Die Frau dachte kurz nach.

    „Ich weiß nicht mehr, woran genau. Aber an etwas schon. Muss ja wohl so sein.”

    Sie ging weiter. Einkaufstasche. Normalität.

    Mara sah ihr nach.

    Muss ja wohl so sein.

    Sie schrieb den Satz ins Notizbuch.

    Abends saß sie wieder am Schreibtisch.

    Vor ihr lag aufgeschlagen das Johannesevangelium. Kapitel 14.

    Thomas: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?”

    Mara las den Satz noch einmal.

    Irgendwie klang das vertraut.

    Wie die Frau.

    Oder wie die Leute, die an Sankt Johannes vorbeigingen.

    Manche schauten weg.

    Manche blieben kurz stehen.

    Manche klebten Zettel an die Tür.

    Danke für alles.

    Und Philippus: „Herr, zeig uns den Vater – das genügt uns.”

    Zeig uns etwas.

    Etwas, das bleibt. 34 Meter Turm. 600 Sitzplätze. Denkmalschutz.

    Mara schnaubte leise.

    Ja. Das würde ihr auch genügen.

    Und dann die Antwort. Ohne Umweg. Ohne Hochglanz.

    „Ich bin der Weg.”

    Sie hielt inne.

    Das war zu einfach.

    Oder zu viel.

    Sie las den Satz noch einmal.

    Er selbst.

    Nicht der Turm. Nicht die Neugotik. … dachte sie.

    Oder vielleicht doch ein bisschen.

    Mara stand auf. Ging zum Fenster.

    Sie dachte an Schüssler. An seinen Satz, der sie nicht losließ:

    „Es braucht neue Erzählungen.“2

    Der Satz ließ sie nicht in Ruhe.

    „Erzählungen, in denen Menschen etwas Heilsames passiert. Wo auch immer sich das ereignet.”3

    Wo auch immer.

    Sie dachte an die Frau. Muss ja wohl so sein. Das war kein Glaubensbekenntnis. Nicht einmal ein klarer Gedanke.

    Aber es war ehrlich.

    Und vielleicht – dachte Mara – war es genau das: eine neue Erzählung.

    Klein, unfertig, ohne Turm und ohne Denkmalschutz.

    Eine Frau. Eine Einkaufstasche. Ein Satz an der Tür.

    Danke für alles.

    Mara klappte das Notizbuch zu.

    Der Fall war nicht gelöst. Er würde nicht gelöst werden.

    Aber sie wusste jetzt, wo sie suchen musste.
    Oder zumindest, wo sie anfangen konnte.

    Wo auch immer …


    1Schüßler, Michael: Interview „Christ:in sein ist eine Identität mit offenen Rändern. Seite 16. In: Päpstliches Werk für geistliche Berufe der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Hg): berufen. Nr. 27. Tübingen 2026.

    2ebd.

    3ebd.

  • Der Herr der Straßen

    Der Herr der Straßen

    Folge 2 – Mara Stern ermittelt.

    Der Anruf kam wieder beim Kaffee.

    Mara Stern hatte die Theorie, dass alle wichtigen Anrufe beim Kaffee kamen. Sie wusste nur nicht, ob das stimmte – oder ob sie sich das einredete, um nicht rangehen zu müssen.

    „Wo möchtest du Fronleichnam feiern?“

    Sie hielt die Tasse fest. Draußen war es schon warm. Juni. Gräser. Ihre Augen juckten bereits.
    Am liebsten gar nicht, dachte sie.
    Aber das sagte sie nicht.

    Mara kannte Fronleichnam seit ihrer Kindheit. Sie war eine der ersten Messdienerinnen am Weihrauchfass gewesen – in einer Zeit, als das noch eine kleine Revolution war. Mädchen am Altar. Ihr Vater hatte gestrahlt. Der Pfarrer hatte gezögert.

    Sie erinnerte sich an die Blumenstraßen. Hunderte Messdiener. Die ganze Stadt im Zug. Fahnen. Gesang. Das Gefühl, dass etwas wichtig war – auch wenn man nicht genau wusste was. Oder vielleicht nur, weil alle so taten. Das war lange her.

    Hatschi.

    Heuschnupfenzeit. Fronleichnam war immer Heuschnupfenzeit. Als wäre das ein theologisches Signal.

    Mara öffnete ihr blaues Notizbuch. Sie hatte angefangen, Fälle zu sammeln. Momente, wo Kirche und Wirklichkeit aufeinandertrafen – und der Aufprall etwas sichtbar machte. Manchmal etwas Schönes. Meistens etwas Unbequemes.

    Fronleichnam war ein Fall.

    Sie schrieb oben auf die Seite: Der Herr der Straßen. Strich es durch. Schrieb: Eingesperrt. Ließ es stehen.

    Das Fest hatte eine Geschichte, die man kennen musste, um es zu verstehen. Und die man kennen musste, um es zu hinterfragen.

    Fronleichnam – 13. Jahrhundert, irgendwo hatte sie das gelesen. Später dann: Kampfansage. Katholisch gegen Protestantisch. Zumindest hatte sie es sich so gemerkt. Vielleicht zu einfach. Wir haben den Herrn – ihr nicht. Die Eucharistie als Distinktionsmerkmal. Als Grenze. Als Machtdemonstration. Man erzählte sich, die Protestanten hätten an dem Tag einfach Gülle gefahren. Mara wusste nicht, ob das stimmte.

    Mara musste kurz lachen. Irgendwas an dieser Geschichte gefiel ihr. Die Direktheit. Keine langen Erklärungen. Einfach: Gülle.

    Aber dann dachte sie weiter.

    Ein Fest, das als Machtdemonstration beginnt – was wird daraus, wenn die Macht weg ist? Wenn die Stadt nicht mehr mitzieht? Wenn Urlaubszeit ist, die Prozession durch den Kirchgarten führt statt durch die Hauptstraße, und die Erstkommunionkinder fehlen weil die Familie an der Adria ist?

    Was bleibt dann?

    Mara stand auf. Ging zum Fenster. Die Antwort kam nicht sofort. Eher so ein Widerstand. Als würde unter dem ganzen Aufwand noch etwas anderes liegen.

    Ein Gott, der sich ausliefert. Nicht triumphierend. Nicht eingesperrt hinter Gold und Glas. Sondern: Fleisch. Verwundbar. Unter die Haut gehend.

    Corpus Christi. Der Leib Christi. Nicht als Symbol. Als Zumutung.

    Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass man die Christen Kannibalen nannte. Weil sie behaupteten, diesen Gott zu essen. Sie hatte das damals absurd gefunden.
    Und heute tragen wir ihn durch die Gassen. In der Monstranz. Hinter Glas. Abgesichert.

    Mara schrieb in ihr blaues Notizbuch:
    Lieber Gott, was lässt du alles mit dir machen.

    Sie dachte an die Frage vom Morgen. Wo möchtest du Fronleichnam feiern?

    Und jetzt wusste sie die Antwort.
    Am liebsten dort, wo…
    Sie stockte. Der Gedanke war ihr selbst nicht ganz geheuer.
    Wo nicht alles an einer Person hängt.
    Wo jemand die Monstranz trägt, der es vielleicht gar nicht dürfte.

    Der Gedanke blieb einen Moment stehen.

    Wo Tradition nicht die Grenze setzt. Wo jemand lacht oder weint. Und es nach Sommer riecht. Und nach Weihrauch. Und nach Heuschnupfen.

    Dort, wo es nicht perfekt ist.

    Vielleicht braucht er das gar nicht, dachte sie. Kein perfektes Fest. Eher Menschen, die sich trauen, Ihn zu tragen.
    Nicht hinter Glas versteck oder abgesichert durch Perfektion.

    „Pilgerndes Volk Gottes.“ So hieß das doch – irgendwo aus dem Konzil hängen geblieben. Gemeinsam unterwegs. Nicht weil man sich so gut versteht. Nicht weil die Tradition es verlangt. Sondern weil man denselben Fremden sucht – diesen Gott, der sich so weit ausliefert, dass er sich essen lässt.

    Mara klappte das Notizbuch zu.

    Draußen war es warm. Die Gräser blühten. Ihre Augen juckten. Sie griff nach ihrem Taschentuch.

    Und dann – fast trotzdem – freute sie sich auf Fronleichnam.
    Nicht auf die Prozession. Nicht auf den Weihrauch.
    Auf den Moment, wenn jemand die Monstranz hebt – zitternd vielleicht, unsicher, nicht ganz korrekt – und trotzdem geht.
    Das, dachte Mara Stern, ist Kirche.

    Nicht der Gleichschritt. Eher: jemand geht – trotzdem.

  • Der Tod kennt keine Mitgliedschaft

    Der Tod kennt keine Mitgliedschaft

    Folge 1 – Mara Stern ermittelt

    Der Anruf kam um 7:43 Uhr.
    Mara Stern saß noch beim ersten Kaffee, als ihr Handy vibrierte. Unbekannte Nummer. Sie nahm ab.
    „Sie kennen mich nicht. Mein Name ist Hoffmann. Mein Bruder ist gestorben. Jemand hat mir Ihre Nummer gegeben. Können Sie – also, würden Sie die Beerdigung machen?”
    „Ja.”
    Kurze Pause.
    „Er ist aus der Kirche ausgetreten. Vor Jahren schon. Macht das – also, geht das trotzdem?”
    Mara stellte den Kaffee ab.
    „Ja. Das geht.”

    Sie kannte diesen Moment. Das kleine „Aber”, das immer kam. Die Stimme, die testet, ob die Tür wirklich offen ist – oder ob gleich eine Bedingung folgt.
    Sie kannte auch, was danach kam. Das Gespräch. Die Beisetzung. Der Moment, wenn Erde auf Holz fällt und alle schweigen, weil es nichts mehr zu sagen gibt.
    Und dann – fast immer – die Frage.
    Diesmal kam sie vom Bruder. Hoffmann. Mitte fünfzig, Anzug.
    „Was schulden wir Ihnen jetzt? Er war ja ausgetreten.”
    Mara stand noch am Grab. Der Himmel war grau. Irgendwo hinter den Bäumen fuhr ein Auto vorbei.
    Sie brauchte einen Moment.
    Verärgert. Beschämt. Und irgendwie – berührt.
    „Nichts. Das ist mein Dienst.”
    Hoffmann sah sie an, als hätte sie etwas auf Latein gesagt.
    Auf dem Weg zum Auto dachte Mara: Wir haben ihnen das selbst beigebracht. Dass Kirche eine Rechnung stellt. Auch am Grab.

    Sie setzte sich ins Auto. Startete nicht.
    Die Trauerredner wurden mehr. Das wusste sie. Sie sah sie auf Friedhöfen – gut gekleidet, warme Stimmen, Mappen mit den richtigen Sätzen. Sie erzählten das Leben. Konkret, nah, liebevoll. Dieser Mensch. Diese Momente. Das, was rund war – und manchmal auch das, was es nicht war.
    Das tröstete. Wirklich.
    Aber es blieb etwas offen.
    Mara tippte es in ihr Notizbuch – das kleine blaue, das immer in der Jackentasche steckte:
    Er ist jetzt tot.
    Nicht eingeschlafen. Nicht heimgegangen. Tot.
    Ein Satz, der nicht mehr rauskommt. Ein Anruf, der ins Leere geht. Fragen, die offen bleiben werden.
    Sie strich einmal darunter. Zweimal.
    Und dann schrieb sie weiter:
    Entweder ist Gott jetzt schon da – oder gar nicht.

    Das war das eigentliche Problem. Nicht Hoffmann. Nicht die Frage nach der Rechnung.
    Das eigentliche Problem war die Kirche.
    Mara kannte die Muster. Sie hatte sie studiert, seziert, in ihrer Dissertation auf zweihundert Seiten auseinandergenommen. Bekanntes trifft Unbekanntes – und was dabei entsteht.
    Was dabei entstand, wenn Kirche auf den Tod traf: meistens Rückzug.
    Requiem. Überladene Liturgie. Worte, die viele nur noch über sich ergehen ließen. Und darunter, unausgesprochen, die eigentliche Frage: War er denn noch Mitglied?
    Als wäre die Grenze zwischen drinnen und draußen wichtiger als die zwischen Leben und Tod.

    Mara öffnete das Notizbuch wieder.

    Eine Grenze ist kein Ort.
    Da kann man nicht stehen bleiben.
    Sie ist eine Bewegung.
    Diesseits: der Verstorbene. Der Schmerz. Das Endliche.
    Und dann dieser Schritt, den keiner üben kann: loslassen, vertrauen, weitergehen – irgendwie.
    Jenseits: ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Das Fremde. Vielleicht etwas Neues.
    Und ja: Das braucht Mut.

    Sie klappte das Notizbuch zu.
    Kirche hätte hier etwas zu sagen. Eigentlich. Nicht als Institution, die verwaltet. Nicht als System, das prüft, wer dazugehört und wer nicht.
    Kirche als Zeichen – auf etwas, das größer ist als sie selbst. Auf einen Gott, der diese Grenze kennt. Der selbst hindurchgegangen ist.
    Menschen, die unterwegs sind. Nicht weil sie sich so gut verstehen. Sondern weil sie denselben Fremden suchen.
    Er ist jetzt tot. Und ich hoffe, dass er nicht verloren ist.
    Das war keine Vertröstung. Das war eine Zumutung. Heute.

    Mara startete den Motor.
    Am Grab hatte sie gestanden und gewusst: Diese Grenze kann ich nicht überwinden. Ich komme da nicht mit. Sie sprengt meine Logik, meinen Verstand. Ich bin ihr ausgeliefert.
    Und trotzdem.
    Sie hielt sich an der Hoffnung fest – nicht weil sie Beweise hatte. Sondern weil sie sonst nicht am Grab stehen könnte. Manchmal trug das. Manchmal nicht.
    Das war kein Wissen. Es war ein Wagnis.
    Und es begann nicht nach dem Tod. Es begann heute. Im Vertrauen, das sich jeden Tag neu bewähren musste.
    Die entscheidende Frage war nicht: Was passiert nach dem Tod?
    Sondern: Wie gehe ich mit dem Tod um – heute?
    Wer so fragte, stand schon mitten an der Grenze.
    Und wer da stand, hatte nichts mehr in der Hand – außer der Hoffnung, nicht allein zu sein.
    Mehr hatte Mara Stern auch nicht.
    Sie bog auf die Hauptstraße. Nächster Fall.