Folge 3 – Mara Stern ermittelt.
Der Anruf kam nicht beim Kaffee.
Diesmal kam er gar nicht.
Mara Stern saß allein an ihrem Schreibtisch. Vor ihr: eine Hochglanzbroschüre. Absender Diözese.
Sie hätte sie längst wegwerfen können. Dreimal hatte sie sie in den Papierkorb gelegt. Dreimal wieder herausgeholt.
Ihr Doktorvater hatte ein Interview gegeben. Ein Pastoraltheologe bei dem man nie ganz wusste, ob man hören wollte, was er sagte.
Sie fand die Seite. Las. Und blieb an einem Satz hängen:
„Diese Verflüssigung ist nicht nur ein Problem, sondern sie ist Teil der Lösung.”1
Mara lehnte sich zurück.
Verflüssigung.
Sie öffnete ihr blaues Notizbuch. Schrieb das Wort oben auf die Seite. Starrte es an.
Verflüssigung.
Dann schrieb sie darunter: Fall 3.
Zwei Stunden später stand sie vor der Kirche. Sankt Johannes. Neugotik. 1887 erbaut. Turm: 34 Meter. Fassungsvermögen: 600 Menschen. Aktuelle Gottesdienstbesucherzahl: zwischen 20 und 50, je nach Wetter und Jahreszeit.
Nächsten Monat: Profanierung.
Mara kannte das Verfahren. Bischof spricht. Glocken schweigen. Gebäude wird übergeben – an wen auch immer. Manchmal ein Investor. Manchmal eine Kultureinrichtung. Manchmal steht es einfach leer.
Sie schaute hoch zum Turm.
34 Meter Stein. Generationen von Menschen hatten hier gebaut, gebetet, geheiratet, beerdigt. Hier hatten Kinder ihre erste Kommunion empfangen.
Und jetzt?
Ein Schild an der Tür: Wegen Sanierungsmangel geschlossen.
Darunter, handgeschrieben, jemand hatte einen Zettel geklebt: Danke für alles.
Mara stand lange davor.
Eine Frau blieb neben ihr stehen. Mitte siebzig. Einkaufstasche. Sie schaute nicht zur Kirche – sie schaute zu Mara.
„Sie kennen die Kirche?”
„Ein bisschen.”
Die Frau nickte. „Ich bin hier getauft worden. Meine Kinder auch. Mein Mann ist von hier aus beerdigt worden.”
Pause.
„Jetzt soll hier ein Fitnessstudio rein. Haben sie gesagt.”
Sie sagte es ohne Bitterkeit. Fast sachlich. Als hätte sie sich längst damit abgefunden – oder als wäre die Bitterkeit irgendwann einfach müde geworden.
„Und … glauben Sie noch?” fragte Mara. Sie wusste, dass es eine merkwürdige Frage war. Sie stellte sie trotzdem.
Die Frau dachte kurz nach.
„Ich weiß nicht mehr, woran genau. Aber an etwas schon. Muss ja wohl so sein.”
Sie ging weiter. Einkaufstasche. Normalität.
Mara sah ihr nach.
Muss ja wohl so sein.
Sie schrieb den Satz ins Notizbuch.
Abends saß sie wieder am Schreibtisch.
Vor ihr lag aufgeschlagen das Johannesevangelium. Kapitel 14.
Thomas: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?”
Mara las den Satz noch einmal.
Irgendwie klang das vertraut.
Wie die Frau.
Oder wie die Leute, die an Sankt Johannes vorbeigingen.
Manche schauten weg.
Manche blieben kurz stehen.
Manche klebten Zettel an die Tür.
Danke für alles.
Und Philippus: „Herr, zeig uns den Vater – das genügt uns.”
Zeig uns etwas.
Etwas, das bleibt. 34 Meter Turm. 600 Sitzplätze. Denkmalschutz.
Mara schnaubte leise.
Ja. Das würde ihr auch genügen.
Und dann die Antwort. Ohne Umweg. Ohne Hochglanz.
„Ich bin der Weg.”
Sie hielt inne.
Das war zu einfach.
Oder zu viel.
Sie las den Satz noch einmal.
Er selbst.
Nicht der Turm. Nicht die Neugotik. … dachte sie.
Oder vielleicht doch ein bisschen.
Mara stand auf. Ging zum Fenster.
Sie dachte an Schüssler. An seinen Satz, der sie nicht losließ:
„Es braucht neue Erzählungen.“2
Der Satz ließ sie nicht in Ruhe.
„Erzählungen, in denen Menschen etwas Heilsames passiert. Wo auch immer sich das ereignet.”3
Wo auch immer.
Sie dachte an die Frau. Muss ja wohl so sein. Das war kein Glaubensbekenntnis. Nicht einmal ein klarer Gedanke.
Aber es war ehrlich.
Und vielleicht – dachte Mara – war es genau das: eine neue Erzählung.
Klein, unfertig, ohne Turm und ohne Denkmalschutz.
Eine Frau. Eine Einkaufstasche. Ein Satz an der Tür.
Danke für alles.
Mara klappte das Notizbuch zu.
Der Fall war nicht gelöst. Er würde nicht gelöst werden.
Aber sie wusste jetzt, wo sie suchen musste.
Oder zumindest, wo sie anfangen konnte.
Wo auch immer …
1Schüßler, Michael: Interview „Christ:in sein ist eine Identität mit offenen Rändern. Seite 16. In: Päpstliches Werk für geistliche Berufe der Diözese Rottenburg-Stuttgart (Hg): berufen. Nr. 27. Tübingen 2026.
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