Fall 5 – Mara Stern ermittelt.
Es war spät.
Mara Stern hatte den Artikel am Montagabend aufgeschlagen.
Eigentlich hatte sie früh schlafen wollen.
Daraus wurde nichts.
Jan Loffeld. Pastoraltheologe.
Einer von denen, die Sätze schreiben, die man nicht mehr loswird.
Nicht weil sie angenehm sind. Weil sie treffen.
Mara las.
Unterstrich. Ärgerte sich.
Und nickte. Beides gleichzeitig.
Ein Satz blieb hängen:
„Ich würde überhaupt nicht davon Abstand nehmen, dass jeder Mensch gottfähig ist. Aber nicht jeder Mensch ist gottesbedürftig.”1
Mara legte das Tablet hin.
Gottfähig. Aber nicht gottesbedürftig.
Sie schrieb den Satz ins blaue Notizbuch.
Dann darunter:
Maurice Blondel.
Blondel hätte widersprochen. Oder vielleicht auch nicht ganz.
Mara erinnerte sich an Seminartexte.
Die Sehnsucht nach dem Unendlichen – Blondel hatte geglaubt, dass sie im Menschen selbst angelegt sei.
Nicht zusätzlich. Grundsätzlich.
Der Mensch will immer mehr, als er greifen kann.
Mara hatte das einmal wunderschön gefunden.
Vielleicht fand sie es immer noch schön.
Aber heute Nacht fragte sie sich:
Stimmt das noch?
Sie stand auf. Ging zum Fenster. Draußen: Stadt. Lichter. Ein Lieferdienst. Jemand mit Kopfhörern. Ein Paar an der Ampel.
Gottesbedürftig?
Mara blieb lange stehen.
Wir kommen erstaunlich gut ohne Gott zurecht.
Das war keine Anklage. Eher eine Beobachtung.
Therapie statt Beichte.
Achtsamkeit statt Gebet.
Sinn durch Arbeit, Beziehung, Erleben.
Und vieles davon funktionierte.
Mara war ehrlich genug, das zuzugeben.
Und trotzdem.
Da blieb eine Frage.
Was wird aus der Sehnsucht – wenn man nicht mehr weiß, dass man sie hat?
Blondel hätte vermutlich gesagt: Sie verschwindet nicht.
Sie verändert nur ihre Sprache.
Loffeld schien vorsichtiger zu sein.
Nicht jeder Mensch ist gottesbedürftig.
Wer hatte recht?
Mara schrieb ins Notizbuch: Vielleicht beide.
Und darunter, nach einer Pause:
Vielleicht ist genau das die Tragödie.
Gottfähig – ja.
Fähig zum Staunen.
Zur Frage.
Zur Unterbrechung.
Aber vielleicht schläft diese Fähigkeit manchmal ein.
Vielleicht aus Erschöpfung. Aus Dauerbeschallung.
Aus einem Leben, das selten still wird.
Die Sehnsucht war vielleicht noch da.
Aber sie kam kaum noch zu Wort.
Mara dachte an einen anderen Satz von Loffeld:
„Wir reden unglaublich viel über Kirche – aber fast gar nicht über Gott.”
Das traf. Nicht nur die Kirche.
Sie selbst.
Wie oft hatte sie zuletzt über Strukturen gesprochen?
Über Austritte, Fusionen, Synodalität, Profanierungen?
Und wie oft über Gott?
Nicht über Religion. Nicht über Kirche.
Über Gott.
Den Fremden. Den Anderen. Den, der sich nicht einspannen lässt.
Wann hatte sie zuletzt wirklich von ihm gesprochen?
Sie ließ die Frage offen.
Loffeld hatte noch etwas gesagt:
„Wir müssen die Türen offen halten – wissend aber, dass viele daran vorbeigehen.”
Welche Türen?
Mara setzte sich wieder an den Schreibtisch.
Gemeindehäuser. Pfarrbüros. Gottesdienste.
Ja.
Aber wer steht eigentlich davor?
Und wer sieht die Menschen, die vorbeigehen?
Mara dachte an die Frau mit der Einkaufstasche.
Muss ja wohl so sein.
Die war nicht durch eine Tür gegangen.
Die hatte auf der Straße gestanden.
Vor einer Kirche, die geschlossen war.
Und trotzdem war da etwas gewesen.
Ein Satz. Ein Moment.
Vielleicht lag die Tür inzwischen woanders.
Nicht im Gebäude. Vielleicht im Gespräch. Auf der Straße.
Zwischen zwei Menschen.
Und dann kam die Frage, die Mara nicht wollte.
Aber sie kam trotzdem.
Bin ich Theologin – oder Sozialarbeiterin?
Sie lehnte sich zurück.
Der barmherzige Samariter. Wunden verbinden. Salben. Bezahlen. Weitergehen.
Natürlich war das wichtig.
Aber war das schon alles?
Der Samariter hatte geholfen, weil er etwas gesehen hatte.
Wirklich gesehen.
Und hinter diesem Blick stand mehr als Moral.
Ein Menschenbild vielleicht.
Oder sogar eine Gottesbeziehung.
Mara dachte:
Sozialarbeit ohne Theologie kann gut sein.
Theologie ohne Berührung mit wirklichen Menschen wird leer.
Aber was wird Theologie, wenn sie nicht mehr von Gott spricht?
Wir reden nicht über Gott.
Mara schrieb den Satz ins Notizbuch.
Dann darunter:
Ich auch nicht genug.
Draußen wurde es langsam hell.
Mara klappte das Notizbuch zu.
Die Wut war noch da. Die Traurigkeit auch.
Und darunter – tiefer – noch etwas anderes.
Sehnsucht.
Vielleicht meinte Blondel genau das.
Diese schwer erklärbare Unruhe.
Dieses Gefühl, dass etwas fehlt, auch wenn eigentlich alles da ist.
Sie war noch da.
Auch in Mara.
Vielleicht besonders in Mara.
Gottfähig, dachte sie.
Und vielleicht – trotz allem – auch gottesbedürftig.
1 Vgl. https://www.domradio.de/artikel/theologe-loffeld-haelt-these-zur-religioesen-indifferenz-fest

Schreibe einen Kommentar