Tepel.katholischbeyond

Der Herr der Straßen

Folge 2 – Mara Stern ermittelt.

Der Anruf kam wieder beim Kaffee.

Mara Stern hatte die Theorie, dass alle wichtigen Anrufe beim Kaffee kamen. Sie wusste nur nicht, ob das stimmte – oder ob sie sich das einredete, um nicht rangehen zu müssen.

„Wo möchtest du Fronleichnam feiern?“

Sie hielt die Tasse fest. Draußen war es schon warm. Juni. Gräser. Ihre Augen juckten bereits.
Am liebsten gar nicht, dachte sie.
Aber das sagte sie nicht.

Mara kannte Fronleichnam seit ihrer Kindheit. Sie war eine der ersten Messdienerinnen am Weihrauchfass gewesen – in einer Zeit, als das noch eine kleine Revolution war. Mädchen am Altar. Ihr Vater hatte gestrahlt. Der Pfarrer hatte gezögert.

Sie erinnerte sich an die Blumenstraßen. Hunderte Messdiener. Die ganze Stadt im Zug. Fahnen. Gesang. Das Gefühl, dass etwas wichtig war – auch wenn man nicht genau wusste was. Oder vielleicht nur, weil alle so taten. Das war lange her.

Hatschi.

Heuschnupfenzeit. Fronleichnam war immer Heuschnupfenzeit. Als wäre das ein theologisches Signal.

Mara öffnete ihr blaues Notizbuch. Sie hatte angefangen, Fälle zu sammeln. Momente, wo Kirche und Wirklichkeit aufeinandertrafen – und der Aufprall etwas sichtbar machte. Manchmal etwas Schönes. Meistens etwas Unbequemes.

Fronleichnam war ein Fall.

Sie schrieb oben auf die Seite: Der Herr der Straßen. Strich es durch. Schrieb: Eingesperrt. Ließ es stehen.

Das Fest hatte eine Geschichte, die man kennen musste, um es zu verstehen. Und die man kennen musste, um es zu hinterfragen.

Fronleichnam – 13. Jahrhundert, irgendwo hatte sie das gelesen. Später dann: Kampfansage. Katholisch gegen Protestantisch. Zumindest hatte sie es sich so gemerkt. Vielleicht zu einfach. Wir haben den Herrn – ihr nicht. Die Eucharistie als Distinktionsmerkmal. Als Grenze. Als Machtdemonstration. Man erzählte sich, die Protestanten hätten an dem Tag einfach Gülle gefahren. Mara wusste nicht, ob das stimmte.

Mara musste kurz lachen. Irgendwas an dieser Geschichte gefiel ihr. Die Direktheit. Keine langen Erklärungen. Einfach: Gülle.

Aber dann dachte sie weiter.

Ein Fest, das als Machtdemonstration beginnt – was wird daraus, wenn die Macht weg ist? Wenn die Stadt nicht mehr mitzieht? Wenn Urlaubszeit ist, die Prozession durch den Kirchgarten führt statt durch die Hauptstraße, und die Erstkommunionkinder fehlen weil die Familie an der Adria ist?

Was bleibt dann?

Mara stand auf. Ging zum Fenster. Die Antwort kam nicht sofort. Eher so ein Widerstand. Als würde unter dem ganzen Aufwand noch etwas anderes liegen.

Ein Gott, der sich ausliefert. Nicht triumphierend. Nicht eingesperrt hinter Gold und Glas. Sondern: Fleisch. Verwundbar. Unter die Haut gehend.

Corpus Christi. Der Leib Christi. Nicht als Symbol. Als Zumutung.

Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass man die Christen Kannibalen nannte. Weil sie behaupteten, diesen Gott zu essen. Sie hatte das damals absurd gefunden.
Und heute tragen wir ihn durch die Gassen. In der Monstranz. Hinter Glas. Abgesichert.

Mara schrieb in ihr blaues Notizbuch:
Lieber Gott, was lässt du alles mit dir machen.

Sie dachte an die Frage vom Morgen. Wo möchtest du Fronleichnam feiern?

Und jetzt wusste sie die Antwort.
Am liebsten dort, wo…
Sie stockte. Der Gedanke war ihr selbst nicht ganz geheuer.
Wo nicht alles an einer Person hängt.
Wo jemand die Monstranz trägt, der es vielleicht gar nicht dürfte.

Der Gedanke blieb einen Moment stehen.

Wo Tradition nicht die Grenze setzt. Wo jemand lacht oder weint. Und es nach Sommer riecht. Und nach Weihrauch. Und nach Heuschnupfen.

Dort, wo es nicht perfekt ist.

Vielleicht braucht er das gar nicht, dachte sie. Kein perfektes Fest. Eher Menschen, die sich trauen, Ihn zu tragen.
Nicht hinter Glas versteck oder abgesichert durch Perfektion.

„Pilgerndes Volk Gottes.“ So hieß das doch – irgendwo aus dem Konzil hängen geblieben. Gemeinsam unterwegs. Nicht weil man sich so gut versteht. Nicht weil die Tradition es verlangt. Sondern weil man denselben Fremden sucht – diesen Gott, der sich so weit ausliefert, dass er sich essen lässt.

Mara klappte das Notizbuch zu.

Draußen war es warm. Die Gräser blühten. Ihre Augen juckten. Sie griff nach ihrem Taschentuch.

Und dann – fast trotzdem – freute sie sich auf Fronleichnam.
Nicht auf die Prozession. Nicht auf den Weihrauch.
Auf den Moment, wenn jemand die Monstranz hebt – zitternd vielleicht, unsicher, nicht ganz korrekt – und trotzdem geht.
Das, dachte Mara Stern, ist Kirche.

Nicht der Gleichschritt. Eher: jemand geht – trotzdem.


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